Zwischentöne
Mehr als 50 Autoren haben an dem neuen Buch „Zwischentöne“ mitgewirkt. Sie beschreiben wie sie ihr Leben mit Behinderung oder die Begegnung mit behinderten Menschen erleben. Herausgegeben wurde es vom Heilpädagogischen Therapie- und Förderzentrum (HPZ) St. Laurentius-Warburg. „Wir haben unsere Bewohner und Mitarbeiter gebeten, Begebenheiten über die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am gesellschaftlichen Leben zu schildern“, sagt die HPZ-Kulturbeauftragte Ute Dohmann-Bannenberg. „Dabei sind eindrucksvolle Geschichten entstanden.“ Erfahrungen von Politikern, Künstlern und „Menschen wie du und ich“ ergänzen das Buch und geben Zeugnis von der Vielfalt des Menschseins.
Von einem Spiel des FC Bundestag gegen eine Mannschaft von Menschen mit und ohne Behinderung erzählt in dem Buch etwa der Brakeler Bundestagsabgeordnete Jürgen Hermann. Die Abgeordneten seien von dem engagierten und fairen Spiel sowie der folgenden „dritten Halbzeit“ sehr beeindruckt gewesen: „Ein super Kick.“ Auf allgemeinen Wunsch hin gab es denn auch ein Rückspiel, trotz der notorisch knappen Zeit der Abgeordneten.
Beeindruckt von der Aufrichtigkeit, Herzlichkeit und manchmal auch Ungeduld seiner behinderten Kunden zeigt sich Friseur David Kohrs aus Warburg. „Ich mag dieses Ehrliche und die ungezwungene Art der Kommunikation.“ Zwar seien alle Bewohner des HPZ unterschiedlich. Eines aber verbinde sie: „Jeder kann sich über die kleinen Sachen freuen und sie genießen.“ Eine Fähigkeit, die viele Menschen verlernt hätten.
Wladimir Zlatkov, bulgarischer Künstler und Holzbildhauer aus Höxter berichtet, wie er mit Vorbehalten und Skepsis als Leiter eines Holzschnitzkurses ins HPZ nach Warburg kam und wie er gleich von einer Gruppe Bewohner mit Handschlag begrüßt wurde. „Einer hat mich sogar umarmt und gefragt: Geht es dir gut?“ Zunächst sei er sehr besorgt gewesen, dass sich beim Schnitzen jemand verletzt, berichtet Zlatkov. „Doch alle hörten gut zu und waren sehr vorsichtig.“ Engel aus Eichenholz entstanden. „Jeder einzelne war sehr, sehr stolz auf sein Kunstwerk.“ Der Abschied war denn auch mindestens ebenso herzlich wie die Begrüßung. „Ich wurde wieder umarmt und gefragt: Wie geht´s dir?“
Warburgs Bürgermeister Michael Stickeln erzählt von Katharina, die in einer Außenwohngruppe des HPZ in Dössel lebte und im Musikverein Dössel, dessen Vorsitzender Stickeln ist, die Querflöte spielt. Anfängliche Unsicherheiten auf beiden Seiten ob ihrer Behinderung seien schnell gewichen. Jetzt sei diese gar kein Thema mehr. „Sie wird von allen geschätzt und ist in jeder Hinsicht vollständig in unseren Verein integriert“, so Bürgermeister Stickeln.
Anlass für die Veröffentlichung sind die großen Veränderungen der vergangenen Jahre in der Behindertenhilfe, die weg von der Fürsorge, hin zur Beteiligung von Menschen mit Behinderung am Leben in der Gemeinde führen sollen. „Alle inklusive“ – so das Motto einer bundesweiten Kampagne. Auch das HPZ hat im vergangenen Jahr eine Teilhabe-Offensive gestartet. „Im Dialog zu arbeiten und Grenzen aufzubrechen, das war das erklärte Ziel“, sagt Einrichungsleiterin Schwester M. Janina Bessenich FCJM. Buchstäblich am Rande spielen in dem Buch auch Gesetzesvorlagen und programmatische Papiere zur Selbstbestimmung und Teilhabe von Menschen mit Behinderung eine Rolle. Ein Drittel jeder Seite ist diesen Äußerungen des politischen Willens gewidmet. Im Zentrum des Buches stehen aber die konkreten Erfahrungen. „Das ist das Spannende an dem Buch“, sagt Ute Dohmann-Bannenberg, die mit einem achtköpfigen Redaktionsteam für die Herausgabe des Buches verantwortlich zeichnet.
Der Titel des Buches – „Zwischentöne“ – ist entstanden, „weil Teilhabe ein Zwischenschritt ist zu einer inklusiven Gesellschaft“, zu einer Gesellschaft, in der auch Menschen mit schwersten Behinderungen selbstverständlich dazu gehören, erklärt Ute Dohmann-Bannenberg. Das Buch sei eine Iststandsanalyse, sagt Peter Flügge, Fachbereichsleiter Wohnen und Fördern im HPZ. „Ganz viel ist noch offen, ganz viel ist noch möglich.“ Das Buch solle Mut machen und zugleich auffordern, „gemeinsame Begegnungen zu gestalten“.
Hinweis
Das Buch „Zwischentöne“ hat 114 Seiten und wird gegen eine Spende abgegeben. Bestellungen und weitere Informationen bei Ute Dohmann-Bannenberg.
Bild oben:
Stellten das neue Buch „Zwischentöne“ vor (v. l.): die Lyrikerin Heike Molitor (Höxter), das Redaktionsteam Ute Dohmann-Bannenberg, Schwester M. Anna Katharina Metzelaers FCJM, Monika Reimann, Schwester M. Janina Bessenich FCJM, Peter Flügge, Marita Dunkel (alle Warburg) und der schottische Folksänger Robert Paterson (Höxter).

